Sonntag, 18. Juni 2017

"Querfront" gegen "Querfront"

Das sind schon seltsame Blüten, die die traurige Posse um die Doku über europäischen Antisemitismus treibt, die von ARTE und WDR in Auftrag gegeben, und dann dann,verständlicher Weise, nicht gesendet wurde.

Nach Ansicht des Films ,teile ich die Meinung von Jens Berger.Er ist einseitig,reißerisch,und undifferenziert,und verfehlt weitgehend sein Thema.Statt Aufklärung zu geben  über antisemitische Strukturen in Europa zu betreiben, wird schwerpunktmäßig dem Zuschauer in den Kopf gehämmert , das jede noch so vorsichtige Kritik an der Politik der israelischen Regierung Antisemitismus und Rechts ist, und betreibt antilinke Hetze.

Zudem schüren die Autoren,ob ungewollt oder nicht,auch antislamische Ressentements, denn durch die schwerpunktmäßige Behandlung des Nahostkonfliktes wird suggeriert, das Antisemitismus vor allem ein Muslimisches Problem ist.

Umso irritierender ist, das auch Linke die Entscheidung der Sender kritisieren, wobei ich es ja sowieso schon interessant finde, das sich Linke , die sich sonst gegen Rechts engagieren und jede Form von Nationalismus ablehnen ,sich gleichzeitig an die Seite einer eindeutig rechtsradikalen,zutiefst nationalistischen israelischen Regierung stellen,die nebenbei gesagt,auch von linken Israelis abgelehnt wird.

Wir lehnen jede Form von Nationalismus ab, es sei denn,er wird von der israelischen Regierung betrieben,Wir kämpfen gegen Rechte,es sei denn,sie sitzen in der israelischen Regierung,das ist doch ziemlich absurd oder?(Natürlich sind gewisse Anführer der Hamas nicht besser, das ist mir klar)

Eine besonders pikante Note erhält die Sache nun noch dadurch, das die vehementesten Kritiker von WDR und ARTE und Verteidiger der Doku vor allem im Rechten bis ganz rechten Lager(BILD,Achgut,Junge Freiheit,PI), zu finden sind.Ich habe,nachdem ich das in Jens Bergers Text gelesen habe, einfach mal selber nachgeschaut,und es stimmt.Ich werde diese Seiten hier aber nicht verlinken.Schaue jeder selbst nach.

Mit anderen Worten, jene Linken, die gern von einer Querfront schwadronieren,machen, ungewollt, sich nun selbst mit Rechten gemein ,und bilden mit ihnen eine-na?-"Querfront" gegen Israelkritiker,herzlichen Glückwunsch!

Diese absurde Situation zeigt sehr schön das ideologische Dilemma, in das man gerät, wenn man auf alles ,was die israelische Regierung auch nur vorsichtig kritisiert, inflationär mit der Rechts-und Antisemitismuskeule eindrischt.

So, und nun Polemik aus.Kritik an der Politik der israelischen Regierung kann schon darum nicht per se Antisemitismus sein, weil es auch viele jüdische Intellektuelle gibt, die Netanjahus Kurs kritisieren,und ebenso, wie Oben schon gesagt, die israelische Linke.

Das erste , was man tun muss,ist sich von Feinbildern zu lösen.Es gibt ebenso wenig das gute Israel und die bösen Palästinenser,wie es die guten Palästinenser und das böse Israel gibt.Vielmehr gibt es zwei Völker in der Region,die zugleich Täter und Opfer sind,die jeder Unrecht erfahren, und selber gegenüber der anderen Seite Unrecht begangen haben.

Der israelische Historiker Gershom Gorenberg beschrieb  es als die Tragödie Israels , das man nach dem Gewinn des Sechs Tage-Krieges nicht aufhören konnte zu siegen.Der junge, demokratische Staat wurde zum Besatzerstaat, weil zunehmend Reaktionäre Kräfte das sagen hatten.Politiker wie Menachem Begin,die Versöhnungspolitik betrieben, gab es zu wenig. So blieb von dem Ideal eines Theodor Herzl  nicht viel übrig.Das ist aber kein jüdisches Problem, sondern einfach das Ergebnis schlechter Politik.

Ich habe mich vor drei Jahren schon einmal dazu geäußert , und dabei auch weiterführende Texte verlinkt, von denen ein zweiteiliger die Sache auch aus der israelischen Warte beleuchtet.

Letztendlich schließe ich mich der Schlussfolgerung Gorenbergs an:Israel muss die 1967 okkupierten Gebiete räumen,und die Palästinenser haben die Realität der Teilung zu akzeptieren,und somit auch das unbestreitbare Existenzrecht des israelischen Volkes anzuerkennen.

Für einen Frieden braucht es aber gegenseitiges Verständnis, und das geht nur ohne reaktionäre Hassprediger auf beiden Seiten.

Kleiner Hinweis noch:Rechte Kommentare, wie schlimm doch die pöhsen Muslime hier hausen,werden ebenso gelöscht,wie jene von einer jüdischen Weltverschwörung und ähnlicher antisemitischer Dreck.Versucht es also gar nicht erst!!

Kommentare:

  1. Hi Doctor,

    ich vertrete eine etwas andere Sichtweise zu diesem Thema - dies umso mehr, seit ich zusätzlich auch die "kommentierte" Fassung der Doku, die vom WDR nun doch ausgestrahlt wurde, gesehen habe.

    Zu kritisieren gibt es an diesem Film immer noch mehr als genug - das betrifft jedoch größtenteils nicht die vom WDR beanstandeten Teile.

    Deine Kritik kann ich indes auch nicht nachvollziehen: Du scheinst einen gänzlich anderen Film gesehen zu haben als ich. Wo siehst Du da auf der Seite der AutorInnen "Hassprediger"? Und woran machst Du das ständige, völlig lächerliche Totschlagargument, Kritik an der Politik der israelischen Regierung sei dort einmal mehr als Antisemitismus verunglimpft worden, fest?

    Und weshalb sollte Kritik an palästinensischen, christlichen oder anderen (westlichen oder arabischen) Gruppen, Einzelpersonen oder "NGOs" nicht ebenso wichtig sein, wenn sie denn gerechtfertigt ist? Das ist dann doch ebensowenig eine "antipalästinensische", "antiwestliche" oder "antichristliche" Sichtweise - und insbesondere hat das nichts mit "Hass" zu tun.

    Bei diesem unsäglichen Thema, das ausgerechnet in Deutschland auf stets so grotesk großes Interesse stößt (warum bloß?), ist auch 70 Jahre nach dem Ende des Nazi-Terrors offensichtlich kein halbwegs vernünftiger Diskurs möglich. Damit meine ich übrigens weniger Deinen Beitrag hier, sondern vielmehr die furchtbare Medienschlacht, die von der Journaille dazu geführt wurde.

    Es ist endlich Zeit für Differenzierung, Logik und wissenschaftliche Distanz!

    Liebe Grüße!

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    1. Moin Charlie

      "Wo siehst Du da auf der Seite der AutorInnen "Hassprediger"?

      Da Wort "Hassprediger" am Ende bezog sich auf solche auf israelischer wie auf palästinensischer Seite ,und nicht auf die Autoren.

      "Und woran machst Du das ständige, völlig lächerliche Totschlagargument, Kritik an der Politik der israelischen Regierung sei dort einmal mehr als Antisemitismus verunglimpft worden, fest?"

      "Dies wird natürlich darin nicht explizit gesagt, aber allein dadurch, das eine Dokumentation über Antisemitismus in Europa der Schwerpunkt auf den Nahost-Konflikt gelegt wird,soll genau diese Botschaft suggeriert werden.Darüber hinaus ist es eben auch so, das ein Autor des Films ein Freund von Broder ist(ich erwähnte ja auch, das Rechte von Achgut bis PI diese Doku ebenfalls beklatschen).

      Und weshalb sollte Kritik an palästinensischen, christlichen oder anderen (westlichen oder arabischen) Gruppen, Einzelpersonen oder "NGOs" nicht ebenso wichtig sein, wenn sie denn gerechtfertigt ist? Das ist dann doch ebensowenig eine "antipalästinensische", "antiwestliche" oder "antichristliche" Sichtweise - und insbesondere hat das nichts mit "Hass" zu tun."

      Diese Kritik für sich genommen ist absolut berechtigt,da würde ich dir durchaus zustimmen,aber wenn es in diesem Kontext geschieht, einer Doku, die sich Antisemitismus in Europa beschäftigt, dann bringt das eben unterschwellig die Botschaft rüber:die Palästinenser sind antisemitisch(unabhängig davon,das es solche tatsächlich gibt),und wer die israelische Politik kritisiert, macht sich mit Antisemiten gemein,die mit Steuermitteln Israel bekämpfen.

      Ich glaube ,wir sind gar nicht soweit auseinander,und deinem letzten Satz stimme ich zu.

      Liebe Grüße zurück

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    2. @ Thorsten:

      Sicher ist es diskussionswürdig, dass ein solcher Film, der zum Thema "Antisemitismus in Europa" in Auftrag gegeben wurde, sich so ausgiebig mit dem Nahost-Konflikt beschäftigt. Andererseits besteht hier ja ein im Film auch deutlich gezeigter, kausaler Zusammenhang zwischen eben diesem Thema und der Situation in Nahost, so dass es doch geradezu auf der Hand liegt, hier einmal genauer nachzuschauen. Ich behaupte nicht, dass die Autoren das vorbildlich gelöst haben, aber diese Vorgehensweise an sich ist doch vollkommen stringent und logisch. Ich habe den Film nur zweimal gesehen, aber ich erinnere mich an kein einziges dort erwähntes Beispiel für europäischen Antisemitismus, das sich nicht explizit auf den Konflikt zwischen Israel und Palästine bezog. Jeder ernsthafte Filmemacher hätte hier gar keine andere Möglichkeit gehabt, genau diesem Thema etwas näher nachzuspüren.

      Deine Bemerkung, einer der Autoren sei ein Freund Broders, ist indes geradezu absurd. Stell Dir vor: Einer meiner Freunde ist - man höre und staune - ein CDU-Wähler! Deswegen ist nun alles, was ich von mir gebe, CDU-nah? Das meinst Du doch nicht wirklich ernst, oder? Du beispielsweise bist Gewerkschafter - bist Du deshalb auch für alles, was diese in großen Teilen korrumpierten Organisationen verbrochen haben, verantwortlich? Das kann doch nicht Dein Ernst sein?

      Und wer - vielleicht abgesehen von "PI" und anderen Rechten, ich habe das freilich nicht gelesen - "beklatscht" diesen Film denn? Ich kenne ausschließlich Verrisse. Das einzige, was ich mir erbete, ist eine thematische Differenzierung. Im Film wird doch gerade nicht die unterschwellige Behauptung, "die Palästinenser" seien Antisemiten, aufgestellt - es gibt doch gleich mehrfach Interviews mit BewohnerInnen von Gaza und anderen Muslimen, in denen das sehr klar wird. Besonders deutlich wird das in der Szene aus der israelischen Klinik, in der ein jüdischer und ein muslimischer Arzt gemeinsam ein Interview geben und sich dabei über die angeblichen Vorurteile beider Seiten fast schon lustig machen. Das deckt sich mit meinen eigenen, natürlich sehr subjektiven Erlebnissen aus Israel und Jordanien / Syrien / Ägypten.

      Ich halte die israelische Regierung für genauso korrupt wie die die deutsche, die amerikanische, die französische, die ägyptische oder die türkische. Nur hat das nichts mit Antisemitismus zu tun, sondern mit Kapitalismus, mit Macht, mit Geld und Korruption.

      Antisemitismus bleibt leider trotzdem ein Thema, zu dem es auch reichlich wissenschaftliche Forschungsliteratur gibt. Eine klamaukhafte Farce wie diese über eine teilweise kritikwürdige Dokumentation lenkt von diesem Thema erfolgreich ab und zeigt zeitgleich, dass Antisemitismus eben doch weitaus verbreiteter ist als befürchtet. Allein für diese böse Erkenntnis ist der Film schon zu loben.

      Liebe Grüße und Shalom!

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    3. @Charlie

      Bei der Doku oder auch Diskussion über Antisemitismus den Schwerpunkt auf den Nahost-Konflikt zu legen ,greift nun mal zu kurz, denn Israel ist nicht die Ursache von europäischem Antisemitismus, sondern vielmehr die Konsequenz daraus,denn er hat bereits Leute wie Herzl zu Überlegungen über einen Judenstaat gebracht.

      Antisemitismus in Europa gibt es schon seit Jahrhunderten,dies alles nur auf den Nahost-Konflikt zu verengen greift zu kurz.

      Und was bedeutet es ,wenn selbst Organisationen wie "Brot für die Welt",die uno oder "breaking the silence",bei es sich um israelische Soldaten handelt,die in den besetzten Gebieten tätig sind,als antisemitisch diffamiert werden, weil sie die israelische Politik kritisieren?

      "Deine Bemerkung, einer der Autoren sei ein Freund Broders, ist indes geradezu absurd. Stell Dir vor: Einer meiner Freunde ist - man höre und staune - ein CDU-Wähler! Deswegen ist nun alles, was ich von mir gebe, CDU-nah? Das meinst Du doch nicht wirklich ernst, oder? Du beispielsweise bist Gewerkschafter - bist Du deshalb auch für alles, was diese in großen Teilen korrumpierten Organisationen verbrochen haben, verantwortlich? Das kann doch nicht Dein Ernst sein?"

      Ich kann jetzt noch ergänzen ,das der Film von einer Produktionsgesellschaft gemacht wurde, die auch für Broder einen Film produziert hat.Sicherlich würde das allein nicht als Argument für die Einseitigkeit des Films ausreichen würde,sondern nur in Kombination mit den übrigen Argumenten.


      "Eine klamaukhafte Farce wie diese über eine teilweise kritikwürdige Dokumentation lenkt von diesem Thema erfolgreich ab und zeigt zeitgleich, dass Antisemitismus eben doch weitaus verbreiteter ist als befürchtet. Allein für diese böse Erkenntnis ist der Film schon zu loben."

      Also einerseits gibst du die Kritikwürdigkeit der Doku selber zu, um gleichzeitig mit dem Pseudoargument der Ablenkung Kritik daran zu tabuisieren.
      Ich könnte auch sagen, das durch die Schwerpunktlegung auf den Nahost-Konflikt vom eigentlichen Thema europäischer Antisemistus abgelenkt wird.

      Es ist dir unbenommen den Film gut zu finden,ich habe eine, wenn auch von dir nicht all zu weit abweichende , andere Meinung, und ich denke beim Thema Antisemitismus, und das heißt für mich Judenhass, sind wir uns einig , das er bekämpft werden muss.

      Liebe Grüße

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  2. Ich empfehle zur Ergänzung, unbedingt Berhard Torschs Beitrag zu lesen.

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    1. Moin Stefan

      Torschs Text finde ich ein wenig undifferenziert, auch wenn er in einigem Recht hat,aber z.B.,die Nicht-Ausstrahlung der Doku, mittlerer Weile ist es ja doch geschehen,als ausdruck von Antisemitismus zu bezeichnen halte ich für Blödsinn.

      Es ist ein besonderes Problem in dieser Debatte, das zu oft Israel gleich gesetzt wird mit den Juden oder dem Judentum,als ob es das Judentum auf der Welt repräsentieren würde.

      Dies geschieht jedoch auf beiden Seiten, so habe ich in einem Beitrag von Evelyn Hecht-Galinski auch den Blödsinn von einer "jüdischen Besatzung " Palästinas gelesen, und das ausgerechnet von einer Jüdin!

      Ich schrieb oben bewusst immer von israelischer Regierung und nicht von Juden, weil ich hier einen Unterschied mache.

      Und natürlich war die Grundidee bei der Gründung Israels eine gute, keine Frage.Ich wies bewusst auf die Ideale Herzl´s hin, der für ein brüderliches Miteinander von Juden, Christen und Muslime war.

      Und wenn die Shoah hier als Argument heran gezogen wird, dann gehört es zur Wahrheit,zu kritisieren, das der israelische Ministerpräsident Netanjahu versuchte diese den Palästinensern in die Schuhe zu schieben, in dem er behauptete, Hitler hätte eigentlich die Juden übersiedeln wollen,und sie erst auf Anraten des palästinensischen Obermufti ermorden lassen, womit er die Nazis von rein wusch.

      Diese ungeheuerliche Geschichtsklitterung ist doch genauso rechter Dreck, wie Verschwörungstheorien, die FED wäre für den zweiten Weltkrieg verantwortlich und nicht die Nazis.

      Torsch muss man ebenfalls Einseitigkeit attestieren, aber sein Artikel wirkt auch ein wenig in Wut geschrieben.Manchmal ist es besser, erst mal eine Nacht drüber zu schlafen.

      Liebe Grüße

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