Sonntag, 1. September 2013

Zum Antikriegstag(I)



Heute wird ,wie jedes Jahr in Deutschland ,der "Antikriegstag" begangen. Wir erinnern uns heute an den Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Angriff der Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939,und gedenken der Opfer dieses,aber auch des Ersten Weltkrieges,sowie anderer Kriege.
Die Initiative für diesen Gedenktag ging vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) aus, der erstmals am 1. September 1957 unter dem Motto "Nie wieder Krieg" zu Aktionen aufrief. Auf dem Bundeskongreß des DGB 1966 wurde ein Antrag angenommen "...alles Erdenkliche zu unternehmen, damit des 1. September in würdiger Form als eines Tages des Bekenntnisses für den Frieden und gegen den Krieg gedacht wird."
In diesem Sinne soll dieser dreiteilige Eintrag ein  eindringliches Plädoyer gegen den Krieg sein.

Hildedard Knef.Sag mir ,wo die Blumen sind


Kurt Tucholsky:

Die brennende Lampe


Wenn ein jüngerer Mann,etwa von dreiundzwanzig Jahren,an einer verlassenen Strassenecke am Boden liegt,stöhnend,weil er mit einem tödlichen Gas ringt,das eine Fliegerbombe in der Stadt verteilt hat,er keucht,die augen sind aus ihren Höhlen getreten,im Munde verspürt er einen widerwärtigen Geschmack, und in seinen Lungen sticht es,es ist,wie wenn er unter Wasser atmen sollte---dann wird dieser junge Mensch mit einem verzweifelten Blick an den Häusern hinauf,zum Himmel empor,fragen:
„Warum--?“
                                          
Weil,junger Mann,zum Beispiel in einem Buchladen einmal eine sanfte grüne Lampe gebrannt hat.Sie bestrahlte,junger Mann,lauter Kriegsbücher,die man dort ausgestellt hatte;sie waren vom ersten Gehilfen fein um die sanft brennende Lampe herumdrapiert worden,und die Buchhandlung hatte für dieses ebenso geschmackvolle wie patriotische Schaufenster den ersten Preis bekommen .
                               
Weil,junger Mann,deine Eltern und deine Großeltern auch nicht den geringsten Versuch gemacht haben,aus diesem Kriegsdreck und aus dem Nationalwahn herauszukommen.Sie hatten sich damit begnügt---bitte stirb noch nicht, ich möchte dir das noch schnell erklären, zu helfen ist dir ohnehin nicht mehr---sie hatten sich damit begnügt, bestenfalls einen allgemeinen, gemäßigten Protest gegen den Krieg loszulassen, niemals aber gegen den ,den ihr Vaterland geführt hat, gerade führt, führen  wird.Man hatte sie auf der Schule und in der Kirche und, was noch wichtiger war,in den Kinos,auf den Universitäten und durch die Presse national vergiftet. So vergiftet, wie du heute liegst: hoffnungslos. Sie sahen nichts mehr .Sie glaubten ehrlich diese stumpfsinnige Religion der Vaterländer, und sie wussten entweder gar nicht,wie ihr eigenes Land aufrüstete :geheim oder offen,je nach den Umständen; oder aber,sie wussten es und fanden dies sehr schön.Sehr schön fanden sie das.Deswegen  liegtst du ,junger Mann.
Was röchelst du da--?“Mutter?“ Ah ,nicht doch.Deine Mutter war erst Weib und dann Mutter ,und weil sie Weib war, liebte sie den Krieger und den Staatsmörder und die Fahnen und die Musik und den schlanken ,ranken Leutnant.
                                                               
Schrei nicht so laut;das war so.Und weil sie ihn liebte, haßte sie alle, die ihr die Freude an ihrer Lust verderben wollten. Und weil sie das liebte und weil es keinen öffentlichen Erfolg ohne Frauen gibt,so beeilten sich die liberalen Zeitungsleute, die viel zu feige waren, auch nur ihren Portier zu ohrfeigen,so beeilten sie sich,sage ich dir,den Krieg zu lobpreisen, halb zu verteidigen und jenen den Mund und die Druckerschwärze zu verbieten,die den Krieg ein entehrendes Gemetzel nennen wollen; und weil deine Mutter den Krieg liebte,von dem sie nur die Fahnen kannte, so fand sich eine ganze Industrie, ihr gefällig zu sein und viele Buchmacher waren auch dabei.Nein, nicht die von der Rennbahn;die von der Literatur. Und Verlegten das Und Buchhändler verkauften das.
Und einer hatte eben diese sanft brennende Lampe, sein Schaufenster war so hübsch dekoriert; da standen die Bücher, die das Lob des Tötens verkündeten ,die Hymne des Mordes ,die Psalmen der Gasgranaten. Deshalb, junger Mann
Ehe du die letzte Zuckung tust, junger Mann:
Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. .Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen ,alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiss also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen ,aber kriegsablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist .Das weiß man nicht.Man kennt nur staatlich verhetzte Jugend .Du bist ihre Frucht; du bist einer von ihnen---so wie dein fliegender Mörder einer von ihnen gewesen ist.
Darf ich deinen Kopf weich betten? Oh ,du bist schon tot .Ruhe in Frieden. Es ist der einzige, den sie dir gelassen haben.

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